I.
Wir haben uns vor zehn Jahren nicht vorstellen können, dass ein
Internetauktionshaus einer der größten Warenanbieter weltweit werden
könnte. Heute verzeichnet die – in diesem Raum vermutlich allen
bekannte – Plattform eBay 114 Millionen registrierte User weltweit.
Die Nutzerinnen und Nutzer betreiben Handel in über 50.000 Kategorien.
Auf dem globalen eBay- Marktplatz findet man ständig 29 Millionen
Angebote, und jeden Tag kommen 3,5 Millionen Artikel neu hinzu. Ein
gigantischer Marktplatz hat sich da entwickelt, der sich auch in
Deutschland großer Beliebtheit erfreut. Trendige Stiefeletten oder
günstige Motorräder – bei eBay gibt’s – so scheint es – alles, oder
mindestens fast alles. Ende August allerdings war für kurze Zeit
Sendepause in der deutschen "Filiale" dieses weltumspannenden
Unternehmens. Ein 19-Jähriger Schüler aus Niedersachsen hatte die
Domain ebay.de "aus Spaß", wie er sagte, auf seinen Namen umgemeldet –
und war plötzlich der neue Besitzer. Mit bösen Folgen für die
Handelnden. Die konnten ihre Geschäfte nämlich vorübergehend nicht mehr
abwickeln, weil die Domain nicht erreichbar war.
Ist das ein Beispiel für besonders ausgeprägte Medienkompetenz? Hat hier einer das Richtige gelernt, aber das Falsche daraus gemacht? Dieses und andere Beispiele wie der Dialer- Missbrauch und das "phishing" zeigen, dass wir uns in der digitalen Welt zunehmend in einem Wettlauf befinden: - zwischen Maßnahmen zum notwendigen Verbraucherschutz und - dem Missbrauch durch Einzelne, die überdurchschnittlich gut die technischen Möglichkeiten ausschöpfen können. Medienkompetenz ist heute nicht mehr allein eine Frage des sinnvollen und verantwortungsbewussten Umgangs mit der Flut neuer Inhalte in den unterschiedlichen Medien. Die gesellschaftspolitische Herausforderung besteht auch darin, die Kompetenz zum Schutz vor Missbrauch zu vermitteln.
II.
Unsere digitale Welt beschert uns nicht nur ein vielfältiges Angebot an neuen Inhalten, sondern ist charakterisiert durch die ständige Erweiterung des Wissens. Das zeigt sich an den großen gesellschaftlichen Wirklichkeiten: Wir sprechen vom Übergang von der Industrie- zur Informationsgesellschaft. Unsere Wirtschaft ist nicht mehr produktionsorientiert, sondern sie basiert zunehmend auf der Erbringung von Dienstleistungen. Die Halbwertzeit des Wissens verkürzt sich in rasantem Tempo. Und das alles geschieht mit enormen Auswirkungen auf unser Miteinander.
Aber die Übergänge, dieser allgegenwärtige Transit, finden eben auch im Kleinen statt – mit manchmal großen Auswirkungen. So wie im schon genannten Beispiel: Da wechselt mal eben eine Domain, über die Millionen von Kunden miteinander handeln, den Besitzer – von der eBay International AG zu einem 19-Jährigen Schüler aus Helmstedt. Mit dieser Geschichte möchte ich Sie nicht zur Nachahmung auffordern – ganz im Gegenteil. Auch im Internet sollte niemand versuchen, etwas in seinen oder ihren Besitz zu bringen, auf das er oder sie keinen Anspruch hat.
Ich möchte Sie aber einladen, mit mir darüber nachzudenken, wie wir
den sinnvollen und verantwortungsbewussten Umgang mit den neuen Medien
gemeinsam gestalten können. Auch deshalb findet heute ein Symposium zum
Tag der Medienkompetenz im Landtag NRW statt. Auf diesem Symposium
wollen uns Jugendliche gemeinsam mit Seniorinnen und Senioren ihre
Vorstellung und Visionen von der Informationsgesellschaft und ihrer
weiteren
Entwicklung – entlang der drei großen Bereiche Lernen, Spielen und Arbeiten – präsentieren.
III.
Die Informationsgesellschaft entwickelt sich in den verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft noch immer in sehr unterschiedlichem Tempo. Viele integrieren das Internet und die dort angebotenen Dienste in ihren Alltag. Andere tun dies nicht. Viele besorgen sich Informationen, lernen Neues hinzu, bilden sich weiter. Andere tun dies nicht, obwohl sie das Internet eigentlich nutzen, nur für andere Zwecke.
Wir sprechen von der Digitalen Teilung unserer Gesellschaft und meinen die Ungleichmäßigkeit, mit der technische Neuerungen von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen genutzt und angewandt werden. Wir kennzeichnen damit, dass es bei diesem Übergang zur Informationsgesellschaft auch solche gibt, an denen das Neue vorbei geht. Solche, die drohen, übergangen zu werden. Halb so schlimm, sagen die einen. Kommt von ganz allein, dass alle nutzen und teilhaben.
Geht gar nicht, sagen die anderen. Wir müssen aktiv daran mitwirken, dass die Nutzung der neuen Techniken selbstverständlich wird. Die Landesregierung in NRW gehört zur zweiten Gruppe. Wir glauben, dass sich enorme Möglichkeiten mit der Nutzung des Internet und der über das Internet angebotenen Dienste verbinden. Und das soll möglichst allen zugute kommen. Wir wünschen uns einen chancengleichen Zugang zu den neuen Medien, ohne Diskriminierung einzelner Gruppen.
Deshalb werden in allen Ressorts große Anstrengungen unternommen, den Mehrwert der Neuen Technik zu vermitteln. Eine Auswahl der Projekte, die wir angestoßen haben, finden Sie im Foyer des Landtags, wo die Ausstellung zum Tag der Medienkompetenz heute und morgen stattfindet. Hier können Sie erkennen, wie groß das Spektrum unserer Bestrebungen ist, den Wandel zu gestalten:
sind nur einige Beispiele für die Aktivitäten. Diese Projekte sind darauf ausgerichtet, Rahmenbedingungen zu schaffen, die möglichst vielen oder zumindest allen, die es möchten, eine Teilhabe an der Informationsgesellschaft ermöglichen.
Ich freue mich über die große Unterstützung bei diesen Bestrebungen. Die Landesanstalt für Medien NRW ist ein starker Partner für unsere Projekte, und sie setzt auch jenseits unserer Kooperationen deutliche Schwerpunkte bei der Förderung von Medienkompetenz.
IV.
In den Grundsätzen des Landesmediengesetzes heißt es, dass es den Nutzerinnen und Nutzern im Umgang mit herkömmlichen und neuen Medien dienen und ihre Medienkompetenz fördern solle. Im Paragraph 39 wird das genauer spezifiziert: "Das Gesetz dient dem Ziel, Medienerziehung zu unterstützen und zum selbstverantwortlichen Umgang mit allen Formen analoger und digitaler Medienkommunikation sowie zur gleichberechtigten Teilhabe an ihr beizutragen."
Um eine gleichberechtigte Teilhabe zu erreichen, haben wir noch große Ungleichheiten zu überwinden: etwa bei den Unterschieden in der Nutzung von Computer und Internet zwischen jung und alt, den Einkommens- oder den formalen Bildungsniveaus. Gleichberechtigte Teilhabe muss aber auch bei den verschiedenen Schulformen erzielt werden. Sie alle hier sollen eine gute Ausgangsposition haben und den Übergang von der Schule in Ausbildung oder Studium und schließlich in den Beruf frei gestalten können.
Vor nicht langer Zeit musste man sein Studium noch weitgehend ohne das Internet bestreiten und vor Mikrofiche-Lesegeräten mit riesigen Bildschirmen an Ort und Stelle die Bestände der Universitätsbibliothek durchsuchen. Das geht heute bequem vom Schreibtisch oder von jedem anderen Ort aus, an dem eine Internetverbindung aufgebaut werden kann.
Auch mir hätte diese Technologie an der Universität anfangs viel Zeit erspart bei der Recherche von Literatur und beim Auffinden wichtiger Informationen. Diese Möglichkeit sollen heute alle Schülerinnen und Schüler in NRW haben: Wir wollen, dass in Hauptschulen ebenso selbstverständlich mit den Neuen Medien umgegangen wird wie an Realschulen oder Gymnasien.
Wir wollen, dass kleine und mittelständische Unternehmen nicht automatisch gegenüber den großen Unternehmen benachteiligt sind, wenn es um die Nutzung der Anwendungspotenziale Neuer Medien geht. Und wir wollen, dass die verschiedenen Bildungssäulen vor Ort zusammenarbeiten, lokal wirken, damit Regionen des Lernens – Lernlandschaften – entstehen, in denen man Neues erproben, entdecken und gemeinsam lernen kann. Nicht immer nur mit den Neuen Medien, aber eben gerne auch mit ihnen.
Wir haben deshalb gemeinsam mit der Landesanstalt für Medien das Medienkompetenz-Netzwerk "mekonet" aufgebaut. Damit können die verschiedenen Institutionen und Organisationen, die Medienkompetenz im Land NRW fördern, sich austauschen und vernetzen und damit ihre Arbeit optimieren. Fast 200 Partner zählt dieses Medienkompetenz-Netzwerk inzwischen, und daran mögen Sie erkennen, wie bunt, aber auch wie leistungsfähig NRW im Hinblick auf die Vermittlung und Entwicklung von Medienkompetenz ist. Eine zweite Initiative möchte ich Ihnen nennen: Wir haben 2003 die Wettbewerbsplattform "NRW: Neues Lernen" aufgebaut, die in diesem Jahr unterstützt wird von der Landesanstalt für Medien.
Wettbewerbe wie die "Netdays NRW", "Lernen online", "KrikiPrix", "website4you" und der Wettbewerb des Forums Seniorenarbeit laden gemeinsam ein, das Lernen neu zu entdecken. Es winken Preise, die wir einer sehr großen Public-Private-Partnership von Unterstützern verdanken. In diesem Jahr sind bei den Wettbewerben über 270 Beiträge eingegangen. Das ist ein schöner Rekord und bestärkt uns, diese Initiative fortzusetzen.
V.
Lernen, Spielen und Arbeiten in der Informationsgesellschaft sind die Schwerpunkte des heutigen Symposiums zum Tag der Medienkompetenz. Insbesondere beim Spielen besteht die Gefahr, dass Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischen. Es interessiert mich daher sehr, wie Sie – in der Arbeitsgruppe und in der Mediengruppe – diese Problematik heute für das Thema Computerspiele bewertet haben: Sehen Sie vor allem mögliche Gefahren von Spielen? Hoffen Sie auf positive Effekte? Was interessiert Sie an diesem Thema?
Neben dem Bereich Spielen war Arbeiten ein weiteres Thema in den Gruppen, in denen sich Abgeordnete mit Jugendlichen und Älteren getroffen haben. Vielleicht bereiten Sie sich gerade auf den Übergang in eine neue Lebensphase, die Arbeitswelt, vor. Vielleicht haben einige von Ihnen erste Bewerbungen geschrieben, möglicherweise schon Gespräche über Ausbildungsplätze geführt. Können Sie sich vorstellen, selbständig tätig zu sein, also als Unternehmerin oder Unternehmer, selbst Arbeitgeber zu sein? Eine gute Idee zu haben, um diese Idee herum ein Geschäft aufzubauen? Ich freue mich auf Ihre Thesen zu diesem Diskussionsfeld, das ja erstens immer aktuell und zweitens ganz eng verbunden ist mit dem letzten Thema, mit dem wir uns heute beschäftigen: Lernen – gestern, heute, morgen.
In internationalen Vergleichsstudien zu verschiedenen Bereichen des Bildungssektors hat Deutschland in der jüngeren Vergangenheit nicht ganz so gute Platzierungen erhalten. Doch seit der PISA-Studie befindet sich der Bildungsbereich – auch in Nordrhein-Westfalen – in einem kontinuierlichen und umfassenden Veränderungsprozess (offene Ganztagsschule, Abitur nach 12 Schuljahren, Änderung der Schulform insgesamt hin zu mehr Gesamtschulen). Der Landesregierung ist dabei besonders wichtig, dass gerade die Stimmen derer gehört werden, die davon am meisten betroffen sind – und das sind Sie als Schülerinnen und Schüler. Ich habe vorhin schon von eigenen Erfahrungen mit den vielfältigen Möglichkeiten erzählt, die sich gerade durch das Lernen mit Neuen Medien eröffnen. Ich hoffe, Sie sehen das auch so positiv und können vielleicht von ähnlichen guten Erfahrungen berichten. Und sollte dem nicht so sein, wird die Diskussion sicherlich umso spannender!
VI.
Die Landesregierung gestaltet mit zahlreichen Projekten und Aktionen den Übergang in die Informationsgesellschaft mit. Mit ihnen wollen wir uns überlegen, wie wir uns diese Informationsgesellschaft wünschen. Wir versuchen mit unseren Initiativen, die Übergänge so zu gestalten, dass Leben, Lernen und Arbeiten mit Medien besser gelingt. Ich lade Sie herzlich ein, uns weiterhin auf diesem Weg zu begleiten. Denn: Wir suchen immer Partner – auch und gerade aus dem privaten Bereich. Public-Private-Partnerships für Projekte zur Entwicklung von Medienkompetenz – in NRW ist das kein Schlagwort geblieben, sondern glücklicherweise mit viel Inhalt gefüllt worden. Ich habe ein Interesse daran, dass dies auch künftig weiter geschieht und freue mich darüber, dass Unternehmen wie ish, die Telekom oder TDS Promethean, Sender wie der WDR und Institutionen wie die Sparkassen in NRW oder die Landesanstalt für Medien den Tag der Medienkompetenz unterstützen.
Ich freue mich ganz besonders, dass es gelungen ist, die Abgeordneten des Landtags, hier besonders den Medienausschuss, aber auch die Ausschüsse für Wirtschaft, für Schule, für Kinder und Jugend und für Wissenschaft und Forschung ebenso zusammenzuführen wie die verschiedenen Ministerien und die Landtagsverwaltung. In NRW haben wir dies zum zweiten Mal hinbekommen, nachdem wir damit 2003 Neuland betreten haben. Ich halte das für ein gutes Modell, das sich fortsetzen lässt.
Wir sehen die Entwicklung von Medienkompetenz als gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Sie ist eben nicht nur die Aufgabe eines Ressorts, eines Bildungsbereichs, einer Institution oder eines Wirtschaftszweigs. Die Förderung von Medienkompetenz ist das, was man eine gesellschaftliche Querschnittsaufgabe nennt. Hier müssen alle Bereiche, alle Bildungsinstitutionen und alle relevanten öffentlichen und privaten Akteure an einem Strang ziehen.
VII.
Ich wünsche allen Anwesenden und Partnern einen erfolgreichen und inspirierenden Tag der Medienkompetenz, viele neue Impulse für die weitere Arbeit an diesem wichtigen gesellschaftlichen Thema und uns allen heute hier einen spannenden Nachmittag. Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Das alles passiert rund um den Tag der Medienkompetenz: